Wirtschaftliche Aggression:
Die Chiquitano wirtschaften hauptsächlich im Rahmen ihrer
Grossfamilie oder auf Dorfebene, doch die offiziellen Entwicklungsprogramme
versuchen, anstelle des Prinzips der Gegenseitigkeit die Marktwirtschaft
einzuführen. Wenn sie Arbeitsgruppen bilden, die einen
Teil der Dorfbewohner ausschliessen, wird die Gemeinschaft gespalten.
Einige Familien werden wohlhabender als die anderen, was soweit
führen kann, dass die Ärmeren gezwungen sind, für
die Reichen zu arbeiten. Solche Zustände duldet die indianische
Gemeinschaft nicht. sie führen zu Konflikten.
Zersetzung durch die Schule:
Die offiziellen Schulen vermitteln die national herrschende Ideologie,
die Menschen formen soll, die sich bereitwillig in die nationale
Gesellschaft integrieren und ihren Anforderungen entsprechen.
Wenn eine Chiquitano-Familie eines ihrer Kinder in eine höhere
Schule schicken will, muss der Sohn oder die Tochter dafür
ins Regional-zentrum gehen und dort unterhalten werden.
Meist zieht die Mutter dann mit allen ihren Kindern dorthin, während
der Vater im Dorf bleibt. Dies fördert die Entfremdung der
Kinder vom Land und von ihrer Dorfgemeinschaft.
Offensive der Massenmedien:
Auch das Fernsehen überbringt die herrschende
Ideologie. Obwohl es in den Dörfern weder Trinkwasser noch
Elektrizität gibt, hat ein Projekt Fernseher aufgestellt,
die von Sonnenkollektoren gespeist werden. Nur wenige Programme
richten sich jedoch an die Chiquitano und berücksichtigen
dabei ihre Kultur und ihr Denken, kein einziges Programm vermittelt
die indianischen Werte. Neben Lokalnachrichten aus dem Regionalzentrum
werden vor allem nordamerikanische Serien und Spielfilme, Seifenopern
und anderes von niedrigster Qualität gesendet. Die Erwachsenen
in den Dorfgemeinden ignorieren meist diese Programme, doch die
Jugend wird so in die glitzernde Konsumwelt eingeführt.
Missachtung der traditionellen Oberhäupter:
Die ursprüngliche Organisation, die die Dorfgemeinschaft
der Chiquitano vertritt, ist der Cabildo, der indianische
Gemeinderat. Doch die öffentliche Verwaltung, der Bürgermeister,
der Corregidor, die Vertreter von Kirche und Entwicklungsprogrammen
ignorieren den Cabildo als soziale und politische Grösse
und versuchen neue Anführer einzusetzen, um den Wandel zu
voranzutreiben. Das Ansehen dieser neuen Anführer beruht
nur auf ihren Beziehungen zur Nationalgesellschaft, die wichtig
für das Dorf sind, doch innerhalb der Dorfgemeinschaft haben
sie wenig Unterstützung, weil sie den traditionellen Anforderungen
der Gemeinschaft nicht entsprechen.
Zerstörung der traditionellen Siedlungsform: Viele
Chiquitano-Gemeinden sind heute gespalten in ein altes und ein
neues Dorf - wie die Bewohner es bezeichnen -, infolge von Massnahmen,
die von aussen aufgezwungen wurden und der Lebensweise der Chiquitano
zuwiderlaufen. Am Ort vorhandene Materialien werden ersetzt durch
importierte, wenig an Klima und Umweltbedingungen angepasste Baustoffe;
verwandtschaftliche und soziale Beziehungen werden bei der Planung
ignoriert; die Wohnform wird durch den Bau mehrerer kleiner Zimmer
verändert, die Hängematten werden durch Betten ersetzt.
In der herkömmlichen Ein-Raum-Wohnung ist viel Platz, der
leicht sauber zu halten ist, da die Hängematten tagsüber
zusammengelegt sind; dagegen geht durch Betten Platz verloren
und die Matratzen sind Infektionsherde, in denen eine Vielzahl
von Krankheitserregern nisten können.
Alle diese Massnahmen haben in den meisten der Chiquitano-Gemeinden
zu Spaltung und Zerstörung beigetragen. Es gibt Misstrauen
zwischen dem altem und dem neuen Dorf, zwischen traditionellen
und neuen Führern und erstmals auch zwischen den Generationen.
Gerade deshalb kümmern sich die Modernisierer vor allem um
die Jugend, die für sie die Hoffnung und das Mittel des erstrebten
Wandels darstellt.
Diese Entwicklungen führen auch zu einer wachsenden Abwanderung
in die Regionalzentren und in die Stadt Santa Cruz. Die Dorfgemeinschaften
versuchen zu widerstehen und sich gegen die Angriffe zu wehren,
aber ihre Ängstlichkeit gegenüber Autoritäten -
Ergebnis ihrer historischen Erfahrungen - ist noch nicht überwunden.
Und so sind ihre eigenen Organisationen noch schwach und werden
von der herrschenden Gesellschaft nicht anerkannt. Noch gibt es
keine indianische Organisation, die die Chiquitano als Volk vertritt
und ihren Forderungen Gehör verschafft. Es fehlen auch noch
alternative Projekte, die die Chiquitano in ihrem Wunsch, auf
ihre eigene Art zu leben und zu denken, unterstützen und
die versuchen, das Indianische mit dem Nationalen zu versöhnen.
Und so drückt sich der Widerstand der Chiquitano gegen die
Herrschenden nach wie vor darin aus, dass sie folgsam zuhören
und so tun, als würden sie zustimmen, aber nachher nicht
danach handeln.