Bolivia | La Gran Chiquitania |  
Die Modernisierung und ihre Folgen
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Die wichtigsten Modernisierer der Region sind die beiden apostolischen Vikariate mit Sitz in San Ignacio und Concepcion sowie der bolivianische Staat mit seinen Entwicklungsprogrammen, die von Santa Cruz aus verwaltet werden. Sie haben grossen Verdienst an der Entwicklung der Chiquitania, aber ihr Verhältnis zu den indianischen Landgemeinden sollte überdacht werden. Kirche und Staat wenden Entwicklungsmodelle an, die den wirtschaftlichen und sozialen Vorstellungen der bolivianischen Gesellschaft und internationaler Kreise folgen. Ihr Ziel ist, die wirtschaftliche Lage der heute armen Chiquitano über die Marktintegration zu verbessern. Dabei wird im Chiquitano nur der

Campesino gesehen. es wird übersehen, dass er auch Indianer ist. Indianisches Denken, seine sozialen, politischen und wirtschaftlichen Vorstellungen werden nur als Hindernisse für die Entwicklung gesehen. In gewisser Weise ist das herrschende Modell ein Angriff auf alles Indianische, auf die Kultur der Chiquitano. Viele Chiquitano empfinden das auch so.

 

Abb. 95: Rückkehr von den Feldern, wo Mais, Maniok, Bananen, Reis, Baumwolle und anderes angebaut wird.

 

Wirtschaftliche Aggression: Die Chiquitano wirtschaften hauptsächlich im Rahmen ihrer Grossfamilie oder auf Dorfebene, doch die offiziellen Entwicklungsprogramme versuchen, anstelle des Prinzips der Gegenseitigkeit die Marktwirtschaft einzuführen. Wenn sie Arbeitsgruppen bilden, die einen Teil der Dorfbewohner ausschliessen, wird die Gemeinschaft gespalten. Einige Familien werden wohlhabender als die anderen, was soweit führen kann, dass die Ärmeren gezwungen sind, für die Reichen zu arbeiten. Solche Zustände duldet die indianische Gemeinschaft nicht. sie führen zu Konflikten.

Zersetzung durch die Schule: Die offiziellen Schulen vermitteln die national herrschende Ideologie, die Menschen formen soll, die sich bereitwillig in die nationale Gesellschaft integrieren und ihren Anforderungen entsprechen. Wenn eine Chiquitano-Familie eines ihrer Kinder in eine höhere Schule schicken will, muss der Sohn oder die Tochter dafür ins Regional-zentrum gehen und dort unterhalten werden. Meist zieht die Mutter dann mit allen ihren Kindern dorthin, während der Vater im Dorf bleibt. Dies fördert die Entfremdung der Kinder vom Land und von ihrer Dorfgemeinschaft.

Offensive der Massenmedien: Auch das Fernsehen überbringt die herrschende Ideologie. Obwohl es in den Dörfern weder Trinkwasser noch Elektrizität gibt, hat ein Projekt Fernseher aufgestellt, die von Sonnenkollektoren gespeist werden. Nur wenige Programme richten sich jedoch an die Chiquitano und berücksichtigen dabei ihre Kultur und ihr Denken, kein einziges Programm vermittelt die indianischen Werte. Neben Lokalnachrichten aus dem Regionalzentrum werden vor allem nordamerikanische Serien und Spielfilme, Seifenopern und anderes von niedrigster Qualität gesendet. Die Erwachsenen in den Dorfgemeinden ignorieren meist diese Programme, doch die Jugend wird so in die glitzernde Konsumwelt eingeführt.

Missachtung der traditionellen Oberhäupter: Die ursprüngliche Organisation, die die Dorfgemeinschaft der Chiquitano vertritt, ist der Cabildo, der indianische Gemeinderat. Doch die öffentliche Verwaltung, der Bürgermeister, der Corregidor, die Vertreter von Kirche und Entwicklungsprogrammen ignorieren den Cabildo als soziale und politische Grösse und versuchen neue Anführer einzusetzen, um den Wandel zu voranzutreiben. Das Ansehen dieser neuen Anführer beruht nur auf ihren Beziehungen zur Nationalgesellschaft, die wichtig für das Dorf sind, doch innerhalb der Dorfgemeinschaft haben sie wenig Unterstützung, weil sie den traditionellen Anforderungen der Gemeinschaft nicht entsprechen.

Zerstörung der traditionellen Siedlungsform: Viele Chiquitano-Gemeinden sind heute gespalten in ein altes und ein neues Dorf - wie die Bewohner es bezeichnen -, infolge von Massnahmen, die von aussen aufgezwungen wurden und der Lebensweise der Chiquitano zuwiderlaufen. Am Ort vorhandene Materialien werden ersetzt durch importierte, wenig an Klima und Umweltbedingungen angepasste Baustoffe; verwandtschaftliche und soziale Beziehungen werden bei der Planung ignoriert; die Wohnform wird durch den Bau mehrerer kleiner Zimmer verändert, die Hängematten werden durch Betten ersetzt. In der herkömmlichen Ein-Raum-Wohnung ist viel Platz, der leicht sauber zu halten ist, da die Hängematten tagsüber zusammengelegt sind; dagegen geht durch Betten Platz verloren und die Matratzen sind Infektionsherde, in denen eine Vielzahl von Krankheitserregern nisten können.

Alle diese Massnahmen haben in den meisten der Chiquitano-Gemeinden zu Spaltung und Zerstörung beigetragen. Es gibt Misstrauen zwischen dem altem und dem neuen Dorf, zwischen traditionellen und neuen Führern und erstmals auch zwischen den Generationen. Gerade deshalb kümmern sich die Modernisierer vor allem um die Jugend, die für sie die Hoffnung und das Mittel des erstrebten Wandels darstellt.

Diese Entwicklungen führen auch zu einer wachsenden Abwanderung in die Regionalzentren und in die Stadt Santa Cruz. Die Dorfgemeinschaften versuchen zu widerstehen und sich gegen die Angriffe zu wehren, aber ihre Ängstlichkeit gegenüber Autoritäten - Ergebnis ihrer historischen Erfahrungen - ist noch nicht überwunden. Und so sind ihre eigenen Organisationen noch schwach und werden von der herrschenden Gesellschaft nicht anerkannt. Noch gibt es keine indianische Organisation, die die Chiquitano als Volk vertritt und ihren Forderungen Gehör verschafft. Es fehlen auch noch alternative Projekte, die die Chiquitano in ihrem Wunsch, auf ihre eigene Art zu leben und zu denken, unterstützen und die versuchen, das Indianische mit dem Nationalen zu versöhnen. Und so drückt sich der Widerstand der Chiquitano gegen die Herrschenden nach wie vor darin aus, dass sie folgsam zuhören und so tun, als würden sie zustimmen, aber nachher nicht danach handeln.

Abb. 96: Eine Chiquitano-Frau in ihrer Küche, mit dem Mörser (Katalog Nr. 95) verarbeitet sie Reis oder Maniok, in grossen Keramiktöpfen wird Wasser und Chicha (Maisbier) aufbewahrt, die Vorräte sind am Dach aufgehängt.

 

aus: Kuehne, "Martin Schmid 1694-1772 Missionar-Musiker-Architekt"