Bolivia | La Gran Chiquitania |  
«Darnach bin ich in das dorff des St. Johan Bapt. geschicket worden. Allhier hab ich die sehr verlangte gelegenheit bekomen, ungläubige Indier aus den Wäldern zu ziehen. Diesse waren in verflossenen jahren gantz wild, und wolten gar nit ihre wälder verlassen. ( ... ) Der Leib anbelangt, gehet ihnen gantz wohl in den wäldern, leben mit aller libertet und freyheith. Leiden niemahlen hunger, dan sie haben vil fisch in wässern, vil thier auf der erden, und vögl in der lufft, die sie listig und künstlich zu fangen und töden wissen.»
(Schmid 1761/1988: 114f)
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Wer die Geschichte der Jesuitenmissionen erforschen will, sollte sich nicht nur an die Berichte der Missionare halten, sondern auch die Indianer befragen, die in ihren Mythen viele Erinnerungen an jene Zeit bewahren. Leider sind die von Jürgen Riester gesammelten Mythen der Chiquitano noch nicht ausgewertet und veröffentlicht. Stattdessen sollen die Ayoréode zu Wort kommen, von denen vermutlich Schmid in seinem Brief berichtet.

 

Ein Blick in die Geschichte

Wie andere Völker in der Dornensteppe des Gran Chaco waren die Ayoréode halbnomadische Jäger und Sammler, die nur ergänzend etwas Ackerbau betrieben. Zusammen mit den Chamococo bilden sie die linguistische Familie der Zamucos. Die Ayoréode lebten in kleinen Gruppen mit selten mehr als 25 Familien, Der Kontakt zu anderen Gruppen beschränkte sich früher ausschliesslich auf kriegerische Auseinandersetzungen. Innerhalb der Gruppe gab es viele Formen des Austausches, manche nach festen Regeln, andere auf freiwilliger Basis; sie garantierten die ständige Zirkulation der Güter und verhinderten, dass manche mehr als andere besassen.

«Ayoréode» ist die männliche Pluralform der Eigenbezeichnung und bedeutet «wirkliche Menschen». Sie nennen andere indianische Völker, die ähnlich leben, «Ayoreqédejane», zu deutsch «andere Menschen», und die Sesshaften, egal ob Indianer, Mestizen oder Weisse, «Cojñone», «gedankenlos und feige».

Zur Zeit der spanischen Eroberung lebten die Ayoréode südlich und östlich der Salzseen an der heutigen bolivianisch-paraguayischen Grenze. Die Jesuiten suchten immer wieder Kontakt zu ihnen, da sie einen Verkehrsweg durch den Chaco nach Asunción eröffnen wollten. Im Jahr 1711 trafen Jesuiten auf eine der Hauptgruppen, die Morotoco. 1723 wurde die Mission San Ignacio de Zamucos gegründet, die aber schon 1745 nach internen Auseinandersetzungen unter den Ayoréode und Rebellionen gegen die Jesuiten aufgegeben wurde. Nach den Überlieferungen der Ayoréode lag sie bei Palmar de las Islas oder bei Fortín Ingavi (das heisst etwa 200-250 km südlich von San José, im heutigen Paraguay. Anm. d. Hrsg.)

Zum heutigen Ayoréode-Volk gehören Nachfahren von Ayoréode, die nie in Reduktionen lebten, und von anderen, die sie verliessen und in den Wald zurückkehrten. Alcides d'Orbigny traf im Jahr 1831 noch 1250 Ayoréode in Santiago. San Juan und Santo Corazón und schätzte die Zahl der unabhängig lebenden auf etwa 1000. Der Kontakt der Ayoréode mit den Jesuiten war nur kurz, dennoch erinnern sich die Ayoréode in zahlreichen Mythen an das Zusammenleben mit ihnen.

 

Abb. 16.- Ayoréode mit Wurfspeeren aus Hartholz und Kopfputz aus Jaguarfell und Vogelfedern (1955): Ihre Kriegszüge wurden bis Mitte dieses Jahrhunderts gefürchtet.

 

 

Seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts zogen die Ayoréode nach Norden und bevölkerten unbewohnte Gebiete, in denen früher zahlreiche andere Indianervölker gelebt hatten. Diese Entwicklung beschleunigte sich mit dem Chaco-Krieg und später mit der Suche nach Erdöl im nördlichen Paraguay. Der Lebensraum wurde immer mehr eingeengt, es kam zu Konflikten zwischen den Nord- und den Südgruppen. die 1948 zu ersten dauerhaften Kontakten mit der Nationalgesellschaft führten. 1949 gründete die US-amerikanische New Tribes Mission in Tobité die erste Missionsstation.

Heute gibt es etwa 2300 Ayoréode auf bolivianischem und 1200 auf paraguayischem Staatsgebiet. Eine einzige Gruppe lebt noch unabhängig in der Wildnis und lehnt jeden Kontakt mit anderen ab. Sie nennen sich die Totobié-Gosode, die «Menschen aus der Region. wo es viele Wildschweine gibt».

 

aus: Kuehne, "Martin Schmid 1694-1772 Missionar-Musiker-Architekt"