Julian Knogler, GEISTLICHE JÄGEREY, 18.Jhdt

Bolivia | La Gran Chiquitania |  
Documental © 1998 APCOB, Santa Cruz de la Sierra, Bolivia

Hochwehrtigster Freund, ich schäze es für ein grosse Ehr, das ich einmal das glükh habe ihnen eine Gefälligkeit zu erweisen.

Die Indianer, welche hier beschriben werden, kan man füglich nennen Wald-Menschen, weilen solche in lauter grossen Wäldern, und leben nicht anders als die wilde Thier. Solche benennet auch der hl. Gregorius Animalia Dei, Thier Gottes. Die weis und manier diese verwildete menschen zahm zu machen, in sittliche und Christliche leut zu verändern, ist eine geistliche Jägerey, weil mann sie suchten, Ihnen nachjagen, und vielerley mitl, brauchen muß, bis sie sich ergeben.

Dieser Landschaft ist eine Tropenlandschaft. Man leidet das ganze jahr grosse Hitz mit schier gar gleicher taglänge, denn der kleine unterschid der Jahreszeiten ist fast nicht merklich. Die hiz dieser landschaft wird erträglich durch die grosse finsteren und dike wälder.

Durch diesen ganzen strich kan man nur in gewisen Monathen reisen, wenn nämlich das regenwasser also ist abgeloffen, aber dann noch etwas übrig geblieben ist zum trinken für einen reisenden. Die übrige Monath von dem May an bis wider auf den October regnet es keinen tropfen mehr, sondern es ist der Himmel allzeit ohen einzige wolke, und obwohl dieses der winter seyn soll, ist die hiz so groß als wie in Deutschland in denen Hundstagen. In den Monaten August und September, wenn die wälder nach monatelanger trockenheit ganz dürr, bleiben diese wälder bereithet zu grossen feuers-brunsten auf viele meil weegs, und deren Rauch wird nach und nach gleich einem Nebl, so dikh, das er die Sonn bedeket.

Was die Erde nicht zur Nahrung hervorbringet, das wird andererseiz ersezt durch unterschidliche thiere, welche zur speiß dienen.

Solang diese Indianer noch in ihren wildnissen sich aufhalten, ist unter ihnen gar keine bürgerliche

einrichtung oder ordnung anzutreffen. Sie gehorschen ihren Caziquen, wenn sie krig führen und wider andere benachbahrte Indianer von einer anderen sprach streiten. Im übrigens ist ihr ganzes thun und lassen in den wäldern herumschweiffen mit jagen und fischen die nahrung zu suchen. Wenn sie an einem orth nichts mehr finden, gehen sie 40 oder 50 meilen weiter, Iassen sich aldorth nider widerum für etliche monath und diese Lebensweis dauern ihr ganzes leben.

Keine häuser haben sie nirgends, hiermit auch kein hausgeräth. So kommen solche reisen ihnen desto leichter an. Da heisst es nicht mit Sack und Pack zu wandern.

Die Hautfarb is bey allen in diesen SO hizigen land ganz gleich. Alle sind oliven-braun mit kohlschwarzen langen haaren, die sie meistens fliegen lassen, ausser den jungen Schiquiten beyderley geschlechts, welche noch nicht verheirathet. Diese tragen ganz geschorene köpf. Sie gehen ohne Kleidung, denn das land ist gar nicht kalt. Doch haben sie ein zeichen ansich als unterschied der Nationen und sprachen. Dafür brauchen einige für ihren leib ein stüklein von einer wildhaut oder flechten etwas von past zusammen, wie auch von wilder baumwoll. Ander färben sich mit rother Erden, das haupt aber sehr dikh, so das es scheinet mit einer bekelhauben bedekt zu seyn. Widerum andere machen sich nur striche am leib von allerhand farben und Säften, welche sie aus wurzeln und blätter herauspressen. Die weiber aber stechen mit spitzen dornen ihr eigene haut, besonders im angesicht, und geben sich gleichsam damit die figur, welche ihnen gefällt; eines Sterns, einer blum, eines vogls, eines thiers. Und wenn die dornstich noch frisch sind, zerreiben sie kohlen ZU pulver, und drüken es wohl in den Riß ihrer gemachten figur hinein. Dieses heilet nach und nach widerum zusammen und das gemähl bleibt unauslöschlich mit schwarzen Tupfen.

Obwohl ihre gestalt für sich selbst schon nichts sittliches anzeigt, haben sie noch allerhand gebräuch, welches ihr barbarisches wesen deutlich an den tag bringt. Gleich in der ersten kindheit bohren sie den knäblein ein kleines Loch an die untere lefzen, ein fingerbreit vom mund, steken ein holz hinein, wie ein diker nagel mit seinem Kopf, damit es innen hällt und nicht herausfällt.

Die Kinder werdet auferzogen, das sie keine wiegen, noch windel, noch fetschen haben. Sie wachsen dannoch ganz grad und aufrecht, sind nicht krummfüssig, weder buklich, noch einseitig. Man leget sie nur auf eine glatte haut oder in ein aufgehenktes nez, wo sie sich ganz frey bewegen.

Dieses nez ist auch die ligestadt aller dieser lndianer. Sie können solches auf ihren beständigen reisen leicht mit sich führen, bleiben darinnen sicher von allen griechenden giftigen thieren und ungenzifer, empfinden auch das feuer desto besser, welches sie allzeit nahe bey sich auf der Erde anzinden, besonders in der nacht.

Hier will ich nicht vergessen, etwas zu vermelden von ihrem wunderlichen getränk, chicha genannt. Es geben die weiber eine zimliche portion von sauberem meel in einen grossen hafen, halb in die Erde eingegraben. Sie giessen siedendes wasser darauf, lassen es bedekter etliche tage hindurch stehn, biß es gähret oder fermentirt, welches bald geschieht. In kurzer zeit wird dieses getränk handig und sauer. Sie schäzen es als ihren besten Wein, der auch den hunger stillet, weil sie Meel samt dem wasser hienein geschüttet. Dies ist also die schiquitische chocolate, wie thee oder cafee. Alles wird mit diesem trank geregelt, geschlichtet oder bezahlt, denn kein anderes geld ist vorhanden.

Wenn einer dem anderen eine gefälligkeit erweiset, ihm in einer arbeith hilfe leistet, auf dem feld oder zu haus, so ist nach verrichtetem dienst dieser trank gleich die bahre bezahlung. Keine andere münze, hab ich aldort gesehen.

Eine der ergözlichkeit ist der tanz, welchen sie anstellen. Es versammeln sich auf dem großen plaz mitten in der völkerschafft etliche gleine häuflein von 6.7. männern oder jungen burschen. Von diesen trups machet ein jeder seinen kreiß, einer von ihnen bleibt in der mitte mit dem musicalischen instrument. Mit diesen machet er seine leier mit hineinblasen. Das ist für sie ergözlich, und vielleicht darum, weil dabei nichts nachteiliges oder tadlhaftes mit einfliesst.

Die heiler werden für Tausendsasser gehalten. Dem Kranken saugen sie die kranke stelle und sie saugen kleine kohle, knöchelchen oder steine aus dem Ieib, als wenn er solche im leib gehabt hätte und sie sprechen ihne nunmehr frey von der krankheit.

Mit anderen worten, diese leute kennen und brauchen allerhand gerät zum fischen und zum jagen, um das leben dadurch zu erhalten, welches in der wildnis ihre einzige sorg und ihr gröstes geschäfft ist. Hiemit sind sie mehr wilde thiere als menschen. Bis man solche geschöpf ernstlich zu rechten menschen, hernach ZU Christen macht, brauchet es viel mühe, fleiß und grosse gedult nebst auserordentlicher gnad Gottes.

Denn ein sittliches ordentliches leben einzuführen, ein bürgerliches, gemeischaftliches Dasein zu beginnen unter leuten von so vielerley sprachen, von aufsetzigen gemütern, die ohne haus, ohne gleidung, ohne beständigen wohnsiz, ohne gehorsam, ohne zucht, ohne Handwerk, aufwachsen und zu leben gewohnet sind. In so einem hauffen, von zwey, drey biß vier tausend eine ganz neue, ungewohnte, ja ihrer natur widrige ordnung einzurichten, ist viel mühe und geduld.

Das wichtigste aus allem, was ich bishero beschrieben, ist ohne zweifel das Christentum. Denn dies ist das ziehl und End solche arme, blinde leuth, die Indianer in so weit entlegenen Iänderen und wildnissen aufzusuchen, damit man ihnen die erkenntnis Gottes beybringen und den rechten weeg zu ihrem ewigen heyl zeigen möge. Dies ist der zwek aller übrigen bemühungen und anstrengungen.

Als dann macht sich der Missionarius mit ihnen die Reise, nachdem zuvor alle die beichte verrichtet und die hl. Communion empfangen haben. Denn diese reisen sind gefährlich, dauern oft 3. oder 4. monathe. Der weg ist zumeist durch wälder, zielt grade dahin, wo man mutmasst das leute anzutreffen seyen, was zuvor erfragt oder durch Spionen erforschet wird. Man geht zu fuß durch einen enge pfad, welcher nothwendig aufgehauen werden muss bis zu dem aufenthalt der ungläubigen.

Sobald die ungläubigen sehn, das sie keinen gelegenheit haben zu entflihen, oder das ihr anzahl zu gering ist, sich den unsrigen mit gewallt sich zu widersetzen, so halten sie still. Als dan probiren wir allerhand indianische sprachen, bis wir merken, das einer von ihnen uns versteht. Mann erklärt ihnen gleich das zihl und Ende unserer Reise, mit freundlicher einladung mit uns in die völkerschaft zukommen um sie glückselig zu machen, sie zu befreyen von ihren feinden, ihnen ein ruhigeres leben zu verschaffen samt der ständigen nahrung, ohne das sie sich bemühen müsten, selbe nahrung mit ihrem schweiß und ständigem herumlauffen mit mühe und gefahren zu suchen.

Bißwilen ergeben sie sich und gehen mit uns, oft aber aus liebe zu ihrer freyheit und gewohnten lebensarth weigeren sie sich gänzlich.

Das schlimste ist bei diesen geistlichen jagden, wenn sich unter den ungläubigen einer aufhält der unserer Mission entflohen ist, denn diese schlimenleute halten andere ab, damit sie nicht hingehen, wovon sie selbst geflohen sind. Sie verdammen jede Einrichtung und Ordnung des christlichen Lebens, loben nur die zaumlose freyheit in der wildnis.

Wenn wir auf unserer Reisen finden was wir suchen, nämlich ungläubige Indianer, so ist alle mühe gar wohl angewendet. freudig kehren wir mit ihnen zurük in die völkerschaft. Auf dem weg müssen wir sie mit den nothwendigen lebensmitteln versehen, sehr gütig und liebreich behandeln, auch zugleich mit grosser wachsamkeit und obhut, damit sie nicht wieder zuruückfliehen, oder unter der begleitschafft einen aufruhr anfangen. Wenn sie nahe bei der völkerschaft ankomen, schikt man ihnen hemden, sich zu bedeken. Alsdan geht die ganze Mission, die Christen mit denen neuankomenden ungläubigen in einem freudigen einzug der Kirche zu, in welcher das Te Dem laudamus abgesungen wird zur dankbarkeit des guten ausgangs der Mission.

Nun muss man aus diesen geschöpfen zum ersten menschen machen, sie in ein gemeinschaftliches, bürgerliches leben und ordnung bringen, ihnen beständige wohnung verschaffen, für leibesnahrung sorgen, damit sie das herumschweifen unterlassen.

Die häuser sind schlicht, nämlich 7 oder 8 ehlen hoch, alles von holz, nachher mit diker erde angeworfen. Das tach ist mit starken grass bedekt.

Die nahrung zu besorgen brauchet es gar viel, denn eine feldarbeit zu verrichten sind sie nicht gewohnt, weil sie ihr leben mit jagen,fischen und herumbschweifen zugebracht haben, deshalb sind auch von natur aus faul zu aller arbeit. Damit sie zusammen bleiben und genügend zu essen haben ist der Mais eingeführt. Der allein bringet allda frucht, kein anderes europäische getreide wegen der allzu starken sonnenhitze.

Die handwerke, welche einige von ihnen erlernen müssen, sind das eisenschmiden, die schreinery, das trechslen, die weberey, scheidery und gerberey. Jedes handwerk so viel als möglich, und der meister, der Missionarius selbst kann.

Die schneiderei geht nicht stark, denn ihr kleidung ist nur ein hemdt oder ein stük grobe leinwand von wilder baumwoll. Nun gibt es in denen Missionen allerlei Webstühl und die weiber stellen den faden aus baumwolle her.

Obwohlen diese Indianer von einer Gottheit nichts wissen, so ist doch unleugbahr, das auch unterwilden und viehischen menschen zu finden sind welche, die nicht anfangen innere schamhaftigkeit zu spühren, bei einer üble that und denen nicht ihr eigenes Gewissen dieUnbilligkeit solcher Tat vorhalte.

Weil diese völker wegen ihrer unordentlichen und barbarischen weise zu leben in der wildniss anfänglich unfähig sind einen vernunftschluß zu begreiffen, so muss man bei ihnen andere Mittel anwenden, um erkenntnis, verehrung und Gottesfurcht einzupflanzen, nämlich durch äusserliche sachen welche in die augen fallen, mit ohren zu hören, oder mit händen zu greifen sind, biß sich ihre vernunft nach und nach mehret.

Täglich wird das volk in der frühe mit dem glokenzeicken gerufen. Alle erscheinen nun ganz ehrbar bedekt, keiner mit farben bestrichen oder mit federn auf dem haupt. Obwohlen sie sonst das haar zur arbeit binden, lösen sie dasselbige zuvor auf sobald sie nahe zur Kirche kommen. Das ist bey ihnen ein Zeichen ihrer ehrfurcht.

Die Musik ist besser, als sich viele vorstellen werden. In den Kirchen sind gute orglen, bis-weilen 2. in einer, dazu bassgeigen, Violonchello 3. oder 4., fierzehen und mehr Violinen, auch Harpfen, Flöten und Trompeten Die 4. ordinarisingstimmen sind gut besezt. Von den predigen ist dieses noch zu melden, das die hauptleute der Indianer bey anfang der nacht, da jederman zu haus ruhig ist, an den Eken der Gassen mit lauter stimme die predigt widerholt, und die wichtigsten punkten aufs neue allen mit grossem nachtruk anbefehlen.

lhre hauptleute sind schon gestandne männer und rechte menschen. Diesen pflegen die Missionarii noch mehre Ansehn zu verschaffen, theils durch einen höheren sitz in der kirche und auch durch einen stab, den ein jeder Capitan in der hand bey allen versamlungen traget, und den er sehr hoch schäzet.

Da die äItere und ansehentlicheren sich wohl aufführen, ziehen sie die übrigen nach sich.

Die straffen sind dreyerley, alle soldatisch, nemlich prügel, kerker und verweisung. Wenn der Capitan etwas strafmässig weiss, offenbahrt er solches dem Missionario; er bringt dien schuldigen, nicht selten sogar um mitternacht wenn sie fIucht fürchten. Da wird die Tat gleich erleutert, die straff taxiret und ausgetheilet. Auf solche weis wird die ganze völkerschaft im guten erhalten. Die schon Christen sind werden in erbaulichen Sitten standhafter, und die ungläubigen neulinge unterlassen durch der anderen gutes Beispiel nach und nach ihr barbarisches und viehisches leben, und nehmen das Christliche an. Dies ist das ziehl und End aller beschwerniss, aller reisen, mühe und arbeit, auch aller mitel die man ausdenkt, gebraucht und anwendet. Und wer kann zweifeln, das diese Indianer und neue Christen durch solche lebensarth den himmel mit vielen alten und erzogenen Christen teilen und in grosser menge bevölkeren werden?

Wenn auch der Ort keine Wildnis ist, so kann doch die Art zu leben von dieser Gattung sein, das man in Europa dann und wann barbarisches und viehisches Leben antreffen kann ohne über das Meer zu reisen.